Kanada

>Bilder ganz unten!

…eine kurze Durchreise
Der 3. Juni war für uns besonders lang; der Flug von Sydney ging über Hawaii und der Datumsgrenze nach Vancouver. Die Nacht war ein paar Stunden, obwohl wir über 14 Stunden in der Luft waren. Die Einreise in Kanada war wie die Ausreise in Sydney; wir konnten quasi durchlaufen. Nach der elektronischen Anmeldung reichte ein hineinschieben des Reisepasses und schon öffnete sich das Tor zum grossen Land. Das Gepäck wollte niemand kontrollieren.

Für den ersten Stopp in Kanada reservierten wir uns einen Camper, so dass wir auf ein Mietauto und teure Übernachtungen in Motels oder Hotels verzichten konnten. Wir wählten in Vancouver absichtlich einen Camper, wie tausende davon in Europa herumfahren. Eigentlich war es ein Fahrzeug auf der Basis eines Fiat Ducato und europäischem Ausbau. Ein Bighorn schaut vom Lenkrad dem Fahrer immer in die Augen und vorne auf dem Kühlergrill verdeutlichen die Buchstaben «RAM» etwas Besonderes, doch bei den Steigungen keuchte das Motörchen vom Ducato mit hoher Drehzahl den Hügel hoch. Trotzdem, es war uns die Erfahrung wert und wir schätzten unser neues Zuhause bald.

Vancouver war für mich (Tom) auch eine Wunschdestination, wo ich endlich einen Bergkameraden aus früheren Jahren besuchen konnte. Es war der dritte Anlauf; das erste Mal wollte unser alter Jeep im Osten von Britisch Kolumbien nicht mehr so richtig und beim zweiten Versuch verweigerte die Versicherung die Fahrt nach Kanada. Doch diesmal klappte es und mit grosser Herzlichkeit wurden wir erwartet. Und, wie hätte es anders sein können; eine Bergtour stand auf dem Programm. Nichts verrücktes, aber für mich (Tom) war es, als hätte ich Weihnachten und Geburtstag gleichzeitig. Die Gipfelbesteigung des Mount McDonald erreichten wir aus zeitlichen Gründen nicht, doch das Abenteuer in der kanadischen Gebirgswelt war nach 10 Monaten Australien für mich überwältigend. Leider musste Chantal auf diese Tour verzichten und blieb zurück in Vancouver.

Bald verabschiedeten wir uns bei unseren Freunden; wir wollten noch die südwestliche Ecke um Vancouver auf einer kurzen Tour erkunden. Was uns vor Jahren wegen der Motorpanne verwehrt wurde, versuchten wir in wenigen Tagen zu erleben. Selbstverständlich durfte der Besuch von Whistler nicht fehlen und so legten wir dort unseren ersten Halt ein. Obwohl sehr frisch und regnerisch, war das emsige Treiben im Zentrum unübersehbar. Was in den Wintermonaten der Schneesport ist, ist in der Sommerzeit der Mountainbike-, bzw. Downhill-Sport. Überall kann man für viele Dollars Freeride-Bikes mieten und sich auf irgendein Abenteuer einlassen. Nebst den teuren Mietpreisen waren die Preise der Bergbahnen für mich (Tom) über der Schmerzgrenze und der Verzicht das Naheliegendste.

Wir folgten etwas kreuz und quer durch die westlichen Rockys in Richtung Okanagan Valley und genossen die Fahrt über unzählige kleinere und grössere Gebirgspässe. Unser fahrbares Zuhause ermöglichte uns auch das leichte Freistehen an wunderbaren Plätzen, wo nicht gerade jeder seinen nächtlichen Stopp einlegte. Zwar durften wir mit unserem Miet-RAM die abenteuerlichsten Weg nicht unter die Räder nehmen, doch wir waren mit dem erlebten mehr als nur begeistert. Ein weiterer Vorteil genossen wir ebenfalls sehr bald: Bei den sehr fischen Nächten war es im Innern des Campers etwas wärmer als draussen und die Heizung war an gewissen Tagen ein wahrlicher Segen.

In einem Provinzialpark vermasselten wir jedoch unwissend einen schönen Abend an der Feuerstelle. Die einkassierende Rangerin wollte für nichtresidente Besucher zur Übernachtungsgebühr noch zusätzlich 20$ extra und tadelte uns anschliessend wegen des Brennmaterials bei der Feuerstelle. Wir erklärten ihr, dass wir dieses Holz nicht im Wald gesammelt haben, sondern um die Feuerstelle herum aufnahmen, was sie soweit akzeptierte und uns einen schönen Abend wünschte. Keine halbe Stunde verging, fuhr ein erboster Herr vor unseren Camper, gab sich als Supervisor aus und verwies uns vom Campingplatz, da wir ein sehr grosses Vergehen machten und umliegendes Holz verfeuerten. Wir hätten 30 Minuten Zeit, ansonst rufe er die Polizei und wir mit weiteren strafrechtlichen Massnahmen zu rechnen hätten. Er liess sich auf keine weitere Diskussion ein und zähneknirschend packten wir unsere Sachen zusammen. Die Polizei wäre vermutlich nicht aufgetaucht, doch wir wollten diese Konfrontation nicht riskieren und den kanadischen Paragraphendschungel kennen wir nicht. Die anschliessende Nacht verbrachten wir ausserhalb des Provinzialpark auf einem ruhigen Parkplatz, den wir eigentlich schon vor dem Übernachtungsplatz im Park anvisierten. Später recherchierte ich im Internet nach den Vorschriften in den Parks von Britisch Kolumbien [BC] und war über vieles sehr überrascht. Alle Besucher von ausserhalb von BC bezahlen ab diesem Jahr eine Extrataxe von 20$/Nacht und Platz. Jegliches Holzaufnehmen ist strengstens verboten und gleicht fast einer Umweltkatastrophe für die Natur. Da soll mir noch jemand erklären, die Schweiz sei sehr kleinkariert!

Das Erlebte sass auch nach der anschliessend ruhigen Nacht immer noch in tiefer Erinnerung. Für die kommenden Nächte begaben wir uns nicht mehr in einen BC-Park. Kanada ist gross genug und wir fanden für die restlichen Nächte wunderbare Übernachtungsmöglichkeiten an lauschigen Plätzchen, wie sie in den Werbebroschüren zu finden sind.

In Kelowna/Okanagan Valley endete unsere Entdeckungstour und wir mussten westwärts zurück nach Vancouver fahren. Diesmal hatten wir keine andere Wahl und die Planung der Weiterreise diktierte uns zur Umkehr. Zwar wissen wir jetzt, wo die guten Tropfen der kanadischen Weinkellern herkommt, doch eine ausgedehnte Degustationstour liessen wir aus.

Durchs Gebirge führte uns die Strasse wieder zurück in den Westen. Nach dem Allison-Pass gab es noch eine super Überraschung: In unmittelbarer Umgebung der Strasse konnten wir mehrere Minuten lang einen Braunbären beobachten, der sich von unserer Anwesenheit nicht beeindrucken liess. Und zu unserer Verwunderung; wir waren die einzigen, die diesem Bären unsere Aufmerksamkeit schenkten.

Bei Hope folgten wir der weiten Ebene westwärts, zuerst links und später rechtsufrig vom Fraser-Fluss in Richtung Vancouver. Vor unserer Weiterreise nach Osten mussten wir unser WoMo noch reinigen, den Fäkalientank entleeren und viele Dinge wieder auffüllen, so dass die Rücknahme beim Vermieter ohne weitere Kosten möglich ist. Vermutlich war das Wohnmobil (WoMo) bei der Rückgabe sauberer als bei der Übernahme, was das strahlende Gesicht des Vermieters leicht verriet.

Von Vancouver nach Toronto nutzten wir den «Canadien», der legendäre Fernzug quer durch die Rockys und die weite kanadische Prärie. Die Reise dauert, gemäss Fahrplan 92 Stunden und die Strecke ist über 4500 km lang, d.h. einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 50 km/h reisten wir durch das zweitgrösste Land dieser Erde. In Kanada ist jedoch eine Reise mit der Eisenbahn ein ganz anderes Erlebnis als in Europa; hier reist man mit dem Zug, um die Landschaft und gutes Essen im Speisewagen zu geniessen. In den drei, resp. vier Reiseklassen wählten wir die zweitgünstigste Klasse mit Liegeabteil, aber vollwertiger Verpflegung im Speisewagen.

Wie schon erwähnt; eine Eisenbahnreise in Kanada ist nicht mit europäischen Gepflogenheiten zu vergleichen. Die Reise beginnt mit der Gepäckaufgabe und einem Check-In, wo man gleich seine Essenszeiten festlegt. Anschliessend gab es Kaffee oder Tee mit einem kleinen Imbiss. Die Nobelklasse bekommt ein Essen serviert! Anschliessend werden die (Klassen-)Gruppen zu ihren Wagen begleitet und von den jeweiligen Stewards begrüsst und gleich vorweg; der Service war hervorragend. Gleich nach der Abfahrt in Vancouver wurden wir darüber verständigt, dass Personenzüge in Kanada nicht erste Priorität hätten und lange Wartezeiten bei Ausweichstellen die Folge wären. Da momentan viele Züge mit Rohöl von Alberta nach Westen unterwegs sind, könnte es durchaus grössere Verspätungen geben. Spannend!

Trotz der Bummelfahrt hinaus aus der Agglomeration Vancouver war für uns alles sehr spannend und vom Aussichtswagen konnten wir das langsame Verschwinden der Wolkenkratzer der westlichen City geniessen. Bald wichen die Häuser der üppigen Vegetation und nebst Bären konnte man eine Moose (grösserer Elch) erspähen. Langsam windete sich der lange Zug – bestehend aus zwei Diesellokomotiven und 22 Personenwagen – dem Fraser- und Thompson-Fluss entlang durch die engen Schluchten in die Rocky Mountains hinein. Für ein Eisenbahnfan ein unbeschreibliches Erlebnis und ich (Tom) verzichtet auf einen langen Schlaf; der Aufenthalt im Aussichtswagen war mir wichtiger.

Nach Jasper wurde es zunehmend flacher; die kanadische Prärie folgte, die sich über eine weite Strecke von Alberta, Saskatchewan und Manitoba zog. In Ontario folgten wieder ausgedehnte Wälder und viele Seen; es sollen in dieser Provinz über 250000 Seen geben. Die atemberaubende Kulissen der Rocky Mountains waren zwar vorbei, doch das Gesehene und Erlebte war nicht minderwertig.

Die ruhige und sehr angenehme Zeit war in Toronto zu Ende. Die Hektik der modernen Gesellschaft hatte uns wieder in ihren Fängen und in einer mühsamen Fahrt ging es hinaus zum Vermieter unseres nächsten Campers. Diesmal buchten wir ein typisch amerikanisches WoMo, so dass wir den anderen Lifestyle einmal geniessen konnten. Uns war auch die Unabhängigkeit bei den Verwandtschaftsbesuchen sehr wichtig und so hatten wir unser Bett immer dabei.

Wir hatten zwar ein sehr kleines WoMo, doch für uns war der Ford F350 mit einem 7,2 Liter V8 ein besonderes Erlebnis, das sich an der Tankstelle besonders aufmerksam machte. Über 19 Liter Benzin genehmigte sich unser temporärer Geselle, was in Europa vermutlich als Todsünde geahndet würde. Aber Spass machte dieses fahrbare Zuhause trotzdem und der Motor brummte mit typischen Sound über die Landstrasse. Rückblickend war das Reisemobil in Vancouver viel besser und wendiger, obwohl der bullige Motorensound ausblieb.

In Ontario fuhren wir vier Stationen an, wo ein Teil unserer Familie lebt, die wir während den letzten 10 Jahren schon öfters besuchten haben. Es gehört wohl bald zur Tradition, dass wir rund alle 2 Jahre vorbeischauen. Und wie es in Kanada üblich ist, der Abschied fiel uns auch diesmal schwer; wir hatten wieder sehr angenehme Stunden und Tage miteinander.

Erneut drängte die Zeit und wir konnten bei unserer Rückfahrt nach Toronto keine grossen Umwege mehr unter die Räder nehmen. Eigentlich schade, da auch die südöstliche Ecke von Ontario viel zu bieten hat. Statt die Landschaft zu geniessen, mussten wir unser WoMo gründlich reinigen, so dass wir das durstige Vehikel im gewünschten Zustand abgeben konnten.

Nun waren auch unsere Stunden gezählt. Per Flugzeug reisten wir über Frankfurt zurück in die Schweiz. Nebst sehr warmen Temperaturen erwarten uns viele neue Ideen, die wir bald wieder unter die Räder nehmen möchten. Auch müssen wir unseren geliebten Jeep aus dem Winterschlaf wecken, was wohl noch gewisse Arbeiten nachziehen wird. Dann soll es bald wieder weiter gehen; unsere Grosskinder in England erwarten uns sehnsüchtig.

Chantal u. Tom/Juli 2026